Diskussion über Themen der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) in/mit Westafrika einschließlich (und vor allem) der politischen sowie sozio-ökonomischen Bedingungen in den Ländern und was EZ bewirken kann -- oder auch nicht -- oder ob sie aber nicht sogar schadet. ACHTUNG: In Ermangelung von Kommentaren lediglich Beiträge zu EZ-Themen. _________________________________________________________________

14. Januar 2007

Bedeutung traditioneller afrikanischen Strukturen für Ghanas Gegenwart und Zukunft

Anlässlich des Statsbesuchs von Bundespräsident Horst Köhler in Ghana habe ich im Rahmen einer EZ-Runde am 11.01.2007 folgendes Einführungsreferat zum obigen Thema gehalten:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, meine Damen und Herren,

Das Vertrauen in traditionelle Strukturen und damit in die Chieftaincy Institution ist in Ghana noch sehr groß. So gibt es empirische Nachweise dafür, dass sich ca. 90% der ländlichen und städtischen Bevölkerung im täglichen Leben auf traditionelle Strukturen verlassen. Das heißt dass man die Lösung von alltäglichen Problemen zunächst im Rahmen der traditionellen Normen und Werte sucht, bevor man sich an die Institutionen des modernen Staates wendet. Mein Kollege Bern Guri formuliert das so, ich zitiere: „The traditional authority system still remains the defacto governance system as the state and its institutions have still not penetrated into the bulk of the population yet.”[1]

Hier manifestiert sich ein Dilemma: Während also der Großteil der Bevölkerung die Chieftaincy Institution weiterhin als werte- und identitätsstiftend erlebt, stehen ihr viele Intellektuelle und insbesondere die politischen Eliten – zumindest offiziell – ablehnend gegenüber. Die Ursachen führen, wie man weiß, in die Kolonialzeit zurück. Wenn man sich daher für eine stärkere Integration traditioneller Autoritäten in die Strukturen des modernen Staates ausspricht, beispielsweise um sie für den sozio-ökonomischen Entwicklungsprozess nutzen zu können, muss man sich der historischen Hypothek des dem unabhängigen Nationalstaat vorausgegangenen traditionell-ethnischen Kolonialgebildes bewusst sein. Die Kolonialmacht instrumentalisierte über das Konzept der indirect rule traditionelle Autoritäten zur Herrschaftsausübung auf der untersten, der kommunalen Ebene (engl. local government). Die Chieftaincy Institution wurde somit für Zwecke der Kolonialmacht auf Kosten der Interessen der Bevölkerung missbraucht, was ihr nach der Unabhängigkeit den Vorwurf der Kollaboration mit dem Unterdrückungsregime einbrachte. Das hat dazu geführt, dass in der Verfassung des unabhängigen Staates der Institution der Chieftaincy lediglich nachgeordnete Funktionen wie die der Bewahrung von Tradition und Bräuchen zugewiesen wurden. Die Rolle im sozio-ökonomischen Entwicklungsprozess hatte jetzt der Staat übernommen und für traditionelle Strukturen blieb wenig Raum. Auch politisch wurden die Chiefs marginalisiert: In der Verfassung von 1992 wurde ihnen z.B. die parteipolitische Betätigung verboten, was einem Ausschluss am politischen Gestaltungsprozess gleichkam.

Wie wichtig aber die traditionellen Strukturen für die wirtschaftliche Entwicklung sind, zeigt sich beispielsweise am konfliktträchtigen Verhältnis von traditionellem zu politischem Recht. Die Abgrenzung der Zuständigkeiten ist in der ghanaischen Verfassung unzulänglich geregelt, was bei Sozialinfrastrukturvorhaben sowie Bauvorhaben und Wirtschaftsinvestitionen oft dazu führt, dass sie gar nicht oder nur nach langen Verzögerungen realisiert werden können. Hintergrund hierfür ist, dass auf kommunaler Ebene die District Assemblies zwar eine generelle Allzuständigkeit für „Entwicklung“ haben, die Chiefs aber im Besitz von mehr als 70 % der Ressource Grund und Boden sind. Die politischen und administrativen Akteure in der modernen Verwaltung scheinen diese Gegebenheiten oft zu ignorieren, bzw. lassen es auf eine Machtdemonstration zwischen den beiden Systemen ankommen. Wobei die Machtposition der Chiefs nicht im geschriebenen Gesetz liegt, sondern im Rückhalt, den sie in der Bevölkerung haben. Man „hört auf sie“, daher versuchen örtliche Parlamentsabgeordnete der jeweiligen Regierungs- und Oppositionsparteien verstärkt, die Chiefs für ihre parteipolitischen Anliegen zu instrumentalisieren. Der Nebeneffekt ist dann meist, dass Gegensätze zwischen zwei Skins, z.B. in einem Thronfolgedisput, durch parteipolitische Gegensätze noch verschärft werden.

Mir scheint eine genuine und effektive Einbeziehung der Chieftaincy Institution in die Strukturen des modernen Staats und damit in das moderne Staatshandeln wie die Daseinsfürsorge geradezu eine Conditio-sine-qua-non zu sein. Hierfür gibt es allerdings keinen Königsweg, da die Verhältnisse heute durch sich überlagernde, teilweise sich widersprechende Entwicklungen sehr komplex sind. Wegen der durch die Kolonialzeit hervorgerufenen Verwerfungen kann nicht einfach an vergangene Zeiten angeknüpft werden. So gab es beispielsweise im Norden Ghanas bei der Ankunft der Kolonialmacht gar keine Chieftaincy Institution – diese wurde erst von den Briten vom Süden in den Norden exportiert, um dort auch die indirect rule praktizieren zu können. Verkompliziert wird die Lage dadurch, dass die Kolonialzeit und vor allem die damit verbundene Verwestlichung des Bildungssystems, die die unabhängigen Staaten dann übernommen und weitergeführt haben, ganze Generationen von afrikanischen Intellektuellen und Eliten hervorgebracht hat, die ihre traditionellen Werte und ihre Kultur kaum noch kennen oder kennen wollen. Die unabhängigen afrikanischen Regierungen wollten modern sein und verdrängten damit ihre eigenen Roots. Es wurde mit aller Gewalt versucht, moderne, sprich westliche Normen durchzusetzen, um sich und den Staat möglichst nahtlos an die alten Metropolen London oder Paris ankoppeln zu können. Auch 50 Jahre nach der Unabhängigkeit trifft dieses Aussage leider zum großen Teil noch zu.

Um einen nachhaltigen Beitrag zur gemeinsamen Bewältigung moderner Staatsaufgaben leisten zu können, und um nicht nur als folkloristisches Beiwerk herzuhalten, müssen bei der Chieftaincy Institution allerdings Voraussetzungen geschaffen werden, die sie in die Lage versetzen, die an sie gestellten Anforderungen im Rahmen des gegebenen gesellschaftlichen Umfelds auch zu bewältigen. Denn die Institution hat heute erhebliche Defizite aufzuweisen, was ihren Gegnern Wasser auf den Mühlen bedeutet. So schreibt der bekannte Paramount Chief Nana Kobina Nketsia V in einem Beitrag für ein internationales Magazin, ich zitiere: „The contemporary Akan chieftaincy institution is very different from the original nature of the institution. Many of us are galaxies away from the thoughts and philosophy of the ancestors. We, the chiefs, are often power grabbing, money-loving, materialist, egocentric and arrogant individuals who are far from being the embodiment of humility.”[2] Ende des Zitats.

Es wird allerdings auch nötig sein, das angesprochene gesellschaftliche Umfeld selbst zu ändern, denn wir haben es hier mit einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen zu tun. Die Grundlage für eine Veränderung kann nur in einem adäquaten Bildungssystem liegen, das einer modernen afrikanischen Kultur, basierend auf einem bewährten eigenen Wertesystem, genügend Platz einräumt. Ich möchte abschließend noch einmal Nana Kobina Nketsia V zitieren: „We must have a vision to revolutionise education, to bring in the human qualities of the African, and ensure that African culture becomes the vehicle of education.”[3]

Eines steht daher fest: Die Afrikaner müssen ihre eigenen Wege in dieser wie auch anderer Fragen finden, wir Europäer können und sollten sie dabei zwar unterstützen, aber nicht bevormunden.



[1] Bern Guri 2006: “Traditional Authorities, Decentralization and Development - A concept paper for strengthening the capacity of traditional authorities for good governance and development at the local level”, Accra, Centre for Indigenous Knowledge and Organisational Development (CIKOD), S. 3; pdf-Dokument, einsehbar » hier

[2] Nana Kobina Nketsia V: Education for endogenous development – Visions of a Paramount Chief; in: COMPAS Magazine, July 2006, S. 11.

[3] ebenda

Links:
- Hier ein Link zu Thema » Neglected Values: Recipes for Growth in Africa
- Hier ein Link zum Thema
» The developing world needs trade, not aid, to help the poor von James Shikwati, Direktor des Inter Region Economic Network (IREN) in Kenia und Experte für Afrikas wirtschaftliche Entwicklung

10. Januar 2007

Globalisierung und deren Auswirkungen

Interessieren Sie sich für Globalisierung und deren Auswirkungen? Dann sollten Sie unbedingt das „Informationsportal zu Deutschland & Globalisierung" von Joachim Jahnke besuchen (» http://www.jjahnke.net/) . Hier ein jüngerer Beitrag (allerdings vermisse ich Hinweise, dass der Menschenhandel, vor allem mit Frauen aus Osteuropa, auch vor unserer Haustüre geschieht):

"Gedanken zur Zeit 056 11-01-07: Einige besonders schmutzige Seiten der Globalisierung

Die Globalisierung erleichtert nicht nur den Handel der ehrlichen Kaufleute, sondern auch weit weniger appetitliche Formen von globalem Wirtschaftsverkehr. Unter der Überschrift "Kinder als Sexsklaven, billige Arbeitskräfte, Lieferanten von Organen - nirgendwo ist der Menschenhandel grausamer als in Asien" brachte die Süddeutsche Zeitung am 30. Dezember einen ziemlich erschütternden Bericht über den globalen "Fleischmarkt". Auszug: "Nirgendwo ist der Menschenhandel lukrativer als in Asien. In indischen Bordellen werden Mädchen aus Bangladesch missbraucht, in thailändischen Häusern werden indische Mägde bisweilen gehalten wie Tiere, vom Hausherren benutzt, behandelt wie Sklaven, eingesperrt und mit Müll gefüttert. Sie leiden in Pakistan, Nepal, China, Thailand, Kambodscha und in Indien. Immer wieder Indien - das Land ist der größte "Allrounder" am weltweiten Fleischmarkt. Kein anderer Ort ist so wichtig als Herkunftsland, Bestimmungsort und Durchgangsstation." Nach Schätzung der US-Regierung werden jährlich weltweit etwa 600.000 bis 800 000 Menschen Opfer des modernen Sklavenhandels. Laut UN werden heute mindestens 12,3 Millionen Menschen in irgendeiner Form der Sklaverei gehalten - bereits mehr als die 10 bis 12 Millionen Afrikaner, die seinerzeit im transatlantischen Sklavenhandel nach Amerika verschleppt wurden.

Nach einem anderen Bericht in der Frankfurter Rundschau vom 4. Januar stammen schätzungsweise bis zu 80 Prozent aller Grabsteine auf deutschen Friedhöfen inzwischen aus Indien. Etwa 500 indischen Firmen versorgen die Friedhöfe der Welt. Männer verdienen dabei umgerechnet etwa 60 bis 431 Euro im Monat. Und nach Schätzungen des Südwind-Instituts sind mindestens 150.000 der eine Million Beschäftigen in den Steinbrüchen Kinder. Dabei wird der Preiskampf mit chinesischen Unternehmen immer härter. Nach Südwind-Institut drückten die Einkäufer brutal die Preise, und verlangten die Kunden nach billigen Grabsteinen, ohne sich darum zu scheren, daß Kinder sie in den Steinbrüchen abtragen. In Deutschland werden die Grabsteine übrigens zum Drei- oder Vierfachen dessen verkauft, was die indischen Hersteller bekommen.

Nun kann man sich fragen, wie die Produktfälschung in diesen Zusammenhang paßt. Die Brücke ist wieder Asien und ganz besonders China. Ausgebeutet werden hier nicht Menschen sondern intellektuelles Eigentum. Produktfälschung hat sich global zu einer Boom-Branche entwickelt. Dabei sollen bis zu zwei Drittel aller weltweit gefälschten Produkte aus China stammen, gefolgt von Brasilien, Indien, Russland und Südkorea. Etwa neun Prozent des Welthandels sollen inzwischen auf gefälschte Waren bei einem jährlichen Umsatz von 350 Milliarden Euro entfallen. Andere Schätzungen gehen sogar bis zu 650 Milliarden Dollar, d.h. einer dem Bruttoinlandsprodukt Australiens entsprechenden Größenordnung. Allein US-amerikanischen Unternehmen sollen nach FBI jährlich Einnahmen um die 250 Milliarden US-Dollar verloren gehen. Die US-Handelskammer vermutet für die USA einen Verlust von bisher rund 750.000 Arbeitsplätzen. Eine andere Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO nimmt an, daß weltweit rund 10 Prozent aller Pharmaprodukte Fälschungen sind, in Entwicklungsländern sogar bis zu 60 Prozent.

Was finde ich an dieser Zusammenstellung so erstaunlich? Daß keine Regierung, die die globale Liberalisierung der Handels- und Finanzströme durchgesetzt hat und weiter vorantreibt, die gleiche Energie aufgewandt hat bzw. aufwendet, um die schmutzigen Seiten der Globalisierung mindestens stark abzubauen. Was hat z.B. die Welthandelsorganisation (WTO) bisher gegen die Ausbeutung von Kinderarbeit und entsetzlicher Sozialverhältnissen als Grundlage für globalen Handel getan, was gegen die Produktfälschung? Mußte man China in die WTO aufnehmen, ohne einen sozialen Mindeststandard und wirksame Mechanismen zur Verhinderung von Produktfälschung durchzusetzen?"

(» URL)

3. Januar 2007

Der Kalte Krieg ist wieder da

DIE ZEIT

»Der Kalte Krieg ist wieder da«

Entwicklungshilfe ist eine Waffe im Kampf um Öl, Erze und Absatzmärkte: Ein Interview mit dem amerikanischen Friedensforscher Michael T. Klare

DIE ZEIT: Bei Entwicklungshilfe denkt man zunächst an Wohltaten aus humanitären Gründen: Hungerhilfe für die Ärmsten, Krankenhäuser, Straßenbau und Projekte zur Wasserversorgung. Sie halten das vermutlich für hoffnungslos naiv.

Michael T. Klare: Es ist ja kein großes Geheimnis, dass Entwicklungshilfe auch den Interessen der Geber dient. Reichen Ländern schadet es, wenn Sicherheitsprobleme in gescheiterten Staaten entstehen, wenn sich Krankheiten um den Erdball ausbreiten, wenn arme Menschen massenhaft aus Afrika und Lateinamerika auswandern. Aber darauf wollten Sie mit Ihrer Frage wahrscheinlich gar nicht hinaus…

ZEIT: Nein, es geht um die These, die Sie seit Jahren lautstark vertreten: dass uns ein neuer Kalter Krieg um Öl, Eisenerz, Kupfer und Diamanten bevorsteht. Bekommt die Entwicklungshilfe da ebenfalls eine neue Rolle zugewiesen?

Klare: Ja, und mit dieser Meinung bin ich nicht alleine. Hören Sie sich die Begründungen an, die das amerikanische Außenministerium für seine Entwicklungshilfe in Afrika vorbringt. Die sagen, dass es ums Öl geht. Bei den Chinesen ist es genauso. Vor den Vereinten Nationen klingen ihre Reden etwas anders, da wird das Humanitäre betont, aber intern und untereinander reden die Klartext.

ZEIT: Klartext?

Klare: Öl, Gas, Kupfer und andere Zutaten für unsere industrielle Produktion werden knapp. Zumindest reicht die jetzige Förderung nicht mehr aus, um die steigende Nachfrage zu befriedigen, die von den aufsteigenden Riesen China und Indien ausgehen wird. Also gibt es jetzt diesen Wettbewerb um Rohstoffe und ein gewaltiges Interesse an rohstoffreichen Ländern in Afrika, Lateinamerika, Südostasien oder Zentralasien.

ZEIT: Die Chinesen siedeln ja ganze Baukolonnen aus China nach Afrika um, bauen dort Straßen, Eisenbahnen und vieles mehr. Alles fürs Öl?

Klare: Sie betreiben einen bemerkenswerten Aufwand.

ZEIT: Kritiker aus der etablierten Entwicklungshilfeszene beschweren sich, dass die Chinesen sich dabei um Menschenrechte und Demokratie nicht scherten, dass sie ihre Hilfen korrupten Eliten in Angola genauso anböten wie dem mörderischen Regime im Sudan.

Klare: Ja, solche Vorwürfe sind zurzeit auch bei Washingtoner Politikern sehr beliebt. Man ignoriert dabei aber, dass die USA sich kaum anders verhalten. Auch wir unterstützen undemokratische Regimes und helfen Despoten. Schauen Sie sich Äquatorial-Guinea an, wo Amerikaner und Chinesen gerade gleichermaßen eine Diktatur umwerben, oder Angola und Nigeria. Wenn es ums Öl geht, macht keiner einen Unterschied.

ZEIT: In Lateinamerika ist zurzeit etwas ganz anderes zu beobachten: Da bietet der Präsident eines reichen Öllandes seinen Nachbarländern technische und andere Wirtschaftshilfen an – nämlich Hugo Chávez, der in Venezuela seine Öl- und Gasförderung verstaatlicht hat.

Klare: Chávez benutzt Venezuelas Öl- und Gasreichtum, um einen unabhängigen Machtblock in Südamerika und der Karibik aufzubauen. Das ist eine Form von Gegenwehr, er will den amerikanischen Einfluss in der Region verringern. Ich habe bisher keine Hinweise darauf, ob die USA schon ihrerseits ökonomische Hilfen einsetzen, um dagegenzuhalten; ich weiß nur von militärischer Hilfe für Kolumbien, einen alten Rivalen Venezuelas und ebenfalls ein Ölland.

ZEIT: In der Europäischen Union hört man solche knallharten geopolitischen Argumente für Entwicklungsarbeit eher selten. Ist Europa die letzte Bastion selbstloser Hilfe?

Klare: Großer Gott, nein. Besonders die Franzosen unterhalten in ihren alten Kolonien enge Beziehungen, die sie auch nicht aufgeben wollen, und sie waren in der Vergangenheit nicht gerade zimperlich. Auch hier geht es um Rohstoffe.

ZEIT: Sehen Sie das nicht sehr einseitig? Die Vereinten Nationen und die G8-Nationen haben sich das Ziel gesetzt, weltweit die Armut und viele Krankheiten auszurotten. In den vergangenen Jahren ist eine Fülle neuer Programme angelaufen, die vor allem den Ärmsten in Afrika helfen sollen.

Klare: Ich trage keine rosa Brille. Ich beschäftige mich mit dem globalen Konflikt um Energie, und der wird im Augenblick immer bitterer geführt. Sie sehen doch, wie Wladimir Putin die Staatskontrolle über die russische Energieindustrie ausbaut und welche Ängste das bei Ihnen in der Europäischen Union auslöst. Also versucht die EU, ihre Verbindungen zu Afrika auszubauen, um dort alternative Energielieferanten zu haben. Es gibt also neue Gründe, afrikanischen Regimes näher zu kommen. Aus genau diesem Grund wird auch Entwicklungshilfe nach Afrika fließen

ZEIT: Ein großer Teil der Entwicklungshilfe wird gar nicht bilateral von einzelnen Geberländern geleistet, sondern durch Weltorganisationen wie die Weltbank geschleust. Ist das ein geeigneter Weg, eigennützige Interessen auszuklammern?

Klare: Die Weltbank ist von Einflüssen der reichen Länder ja nicht frei, und vom US-amerikanischen Einfluss schon gar nicht. Nehmen Sie ein Beispiel: den umstrittenen Bau einer Pipeline vom Tschad nach Kamerun, der im Jahr 2000 begann. Da mischte sich die Weltbank in einem entscheidenden Moment ein und lieferte entscheidende Hilfe, damit das Projekt zustande kam. Sie begründete das mit entwicklungspolitischen Argumenten, doch in Wahrheit lag es auf der Hand, dass es um den Zugang reicher Länder zu diesen Rohstoffen ging.

ZEIT: Wie kommen Sie zu diesem Urteil?

Klare: Das ist das Urteil der Weltbank. Vor einem Jahr wurde eine Bewertungsstudie veröffentlicht, die sie selber in Auftrag gegeben hatte, und darin stand: Den Menschen in der Region hat das Projekt fast nichts genützt. Die Autoren forderten für die Zukunft ein Moratorium für solche Projekte. Das wurde dann völlig unter den Tisch gekehrt.

ZEIT: Es klingt so, als unterstellten Sie der Weltbank und den reichen Ländern Denkweisen aus den Zeiten der Kolonisierung.

Klare: Ich scheue mich nicht, das Wort vom Neokolonialismus zu verwenden.

ZEIT: Das wiederum ist ein Begriff, der zur Zeit des Kalten Krieges entstand.

Klare: Im letzten Jahr hat der republikanische Kongressabgeordnete Donald Payne im außenpolitischen Ausschuss gesagt, es gebe einen »neuen Kalten Krieg in Afrika«. Ihm ging es dabei um die Chinesen. Dieser Begriff fällt jetzt immer mal wieder in Washington. Im Kalten Krieg wurde Entwicklungshilfe ganz ausdrücklich als Waffe im globalen Kampf gegen den Kommunismus gesehen. Eine ähnliche Situation kommt jetzt wieder.

ZEIT: Kommt dabei denn am Ende Positives heraus? Man könnte sich ein Wettrennen um die bessere Entwicklungshilfe vorstellen, weil die reichen Nationen um Rohstoffe buhlen.

Klare: Ja, aber erst einmal ist es ein Rennen um die Gewinnung von Öl und Rohstoffen. Dabei spielt Entwicklungshilfe eine Rolle, sie ist das Zückerchen, das man diesen Ländern anbietet.

ZEIT: Egal, aus welchem Grund, Hauptsache, es wird geholfen.

Klare: Ja, natürlich. Ich will auch fair sein und nicht alles allein aufs Öl schieben, es gibt noch andere Absichten. China zum Beispiel will in Afrika auch einen Markt für seine billigen Produkte schaffen. Die chinesische Entwicklungs-hilfe dient also auch dazu, genug wirtschaftliche Dynamik und Einkommen zu schaffen, sodass die Leute Produkte aus China kaufen können. Dieses Motiv ist ja auch der amerikanischen und europäischen Entwicklungshilfe nicht fremd.

ZEIT: Noch ein Grund, künftig mit mehr Entwicklungshilfe zu rechnen.

Klare: Richtig, aber werden Sie nicht übermütig. Die reichen Länder setzen in solchen Konflikten nicht nur Zuckerbrot ein. Da gibt es auch noch die Peitsche in der Form militärischer Eingriffe. Ich beobachte schon heute eine massive Zunahme militärischer Hilfen und Waffenverkäufe in Afrika – sie kommen aus den USA wie auch aus China. Das könnte zur finsteren Kehrseite dieser neuen Welle der Entwicklungshilfe werden.

Michael T. Klare lehrt Friedensforschung und Sicherheitspolitik am Hampshire College und an der Universität Massachusetts und gilt als ein führender Experte für Rohstoff-Konflikte. In seinem jüngsten Buch »Blut und Öl«, auf Englisch erschienen bei Metropolitan Books, sagt er eine Welle neuer Konflikte um die Energieversorgung voraus

Das Interview führte Thomas Fischermann

Zum Thema
Entwicklungshilfe und -politik - Ein Schwerpunkt mit Hintergrundberichten und Reportagen »

1. Dezember 2006

Chinesische Investitionen in Simbabwe - eine Luftnummer?

Hallo Klaus!
Vielen Dank für die schnelle Antwort! Ich bin auch glücklich, wieder in Afrika gelandet zu sein und Simbabwe ist trotz all der offensichtlichen Probleme noch immer ein atemberaubend schönes Land!
Ich habe mal in Dein Blog geschaut. Chinesische Investitionen sind hier in Simbabwe auch ein großes Thema, weil eben keine unangenehmen Fragen gestellt werden. Es gibt immer wieder von der staatlichen Zeitung lancierte Meldungen (die sich später als falsch herausstellen) über den Einstieg der Chinesen in verschiedene Industriezweige. Die Meinung der meisten Simbabwer zu chinesischen Produkten ist allerdings verheerend . . .
Herzliche Grüße,
A.
>> Hier der Link zur entsprechenden Meldung

27. November 2006

We Love China -- Umgekehrt auch?!

In We Love China schreibt Lindsey Hilsum

(URL: http://www.granta.com/extracts/2616)
The Chinese come to Africa as equals, with no colonial hangover, no complex relationship of resentment. China wants to buy; Africa has something to sell. If African governments could respond in a way which spread the new wealth—a large if, of course—then China might provide an opportunity for Africa which Europe and America have failed to deliver.
Wirklich? Scheint mir etwas zu blauäugig! Zumindestens gibt es andere Reports als der von Lindsey (für Ghana gibt es ähnliche Reports wie der folgende aus Tansania):

China's ambitions in Africa
By Mark Ashurst, BBC News, Tanzania
(Link/URL)

China has stepped up its business presence in Africa, but is being criticised for not pushing for improvements in human rights and governance in some countries.

There has never been a better time to buy flip flops in Dar es Salaam.

At the Kariokoo street market they come in all shapes and sizes: wedge heels, sequins, buckles.

Flip flops for work, and for fashion.

But at Tanzania's only flip-flop factory, these are dog days.

A few years ago 3,000 people worked at OK Plast and their wares were exported to 22 countries across the region.

Today the factory employs just 1,000 and Fadl Ghaddar, the Lebanese general manager, told me it was struggling to break even.

All but a few varieties of Africa's flip flops now come from China and local companies cannot compete.

Mr Ghaddar claims end of line stock from Chinese factories is "dumped" here, sold for less than the cost of materials, dodging customs and import duties.

African socialism

Some Tanzanians object that Chinese imports are shipped to the Chinese embassy in diplomatic containers from Beijing - but no-one can prove it.

Outside, Chinese digger trucks are at work in the street - a Chinese company has won a government tender to renovate the sewage system.

And foundations have been laid for the new Julius Nyerere National Stadium, named after Tanzania's founding president.

The raw materials, machines, the pipe work and the scaffolding, come from Beijing.

Julius Nyerere visited Beijing 13 times - a record for an African leader.

What he saw in China inspired "ujamaa", the policy of self-reliance and collective farming announced in the Arusha Declaration - Nyerere's audacious statement of African socialism in February 1967.

Chairman Mao returned the compliment, sending Chinese engineers to build Tazara - the Tanzania Zambia Railway - to carry exports of Zambian Copper.

Many of those Chinese engineers are buried in a neatly tended graveyard, set behind a low white-washed wall on the outskirts of Dar es Salaam.

A marble plinth, inscribed with Chinese characters, reads: Cemetery for Memorable Deceased Chinese Experts Assisting Tanzania.

An official who visited recently from Beijing claimed Tazara is still a household name in China and more Chinese experts are on their way.

Donor's favourite

Hu Jintao, China's president, has announced a doubling of state aid to Africa: £2.6bn in trade credit and loans, new schools and hospitals, professional training for 15,000 Africans in Beijing.

Some Western observers are sceptical.

Already, Africa supplies a third of the oil fuelling China's economic boom.

Paul Wolfowitz, the American neo-conservative who is now president of the World Bank, says Beijing ignores human rights, corruption and environmental standards.

But there is no oil in Tanzania and few of the commodities China craves.

East Africa's poorest country is also the donors' favourite.

In the past six years, Western aid agencies have spent almost £3bn here - more than Hu Jintao promised over three years for the entire African continent.

If that is cheque book diplomacy, China's cheque book does not look big enough.

Chinese exports, on the other hand, seem almost limitless and now that China, like Africa, is capitalist, their relationship is more self-interested than sentimental.

Not far from the spot where Mr Nyerere made his famous declaration of African socialism, I visited a factory making generic anti-retroviral medicines for people with Aids.

Cheap chemicals from a private company in China enable Tanzania Pharmaceutical Industries to manufacture these life-saving drugs at a cost of US$11.5 (£6) per patient per month.

Even a few years ago, that would have been wishful thinking.

Chinese imports

Back in Dar es Salaam, I meet Yang Lei owner of the Dong Fang Development Company Chinese Shop on Samora Avenue, a busy downtown shopping street.

Mr Yang is the 31st member of his family to settle in East Africa.

His uncle opened the first of their seven shops in Nairobi, a decade ago.

But after three years here, Mr Yang - who wears a sweatshirt with a picture of an American footballer and the logo "Top Class" - has learned neither English nor Swahili.

His showroom is draped with silks, curtains and upholstery fabrics and is crammed with furniture such as dining suites, reclining chairs and an emperor-sized bed with adjustable headrest.

Mr Yang, his wife and his teenage son sit at the back of the shop munching snacks - Chinese snacks - from a jumbo-sized packet on his desk.

Yes, Mr Yang admits, through his translator, he has heard about local businesses swamped by Chinese imports.

Then he shrugs and says: "Africans love my shop."

How to write about Africa

Binyavanga Wainaina

some tips: sunsets and starvation are good

Always use the word 'Africa' or 'Darkness' or 'Safari' in your title. Subtitles may include the words 'Zanzibar', 'Masai', 'Zulu', 'Zambezi', 'Congo', 'Nile', 'Big', 'Sky', 'Shadow', 'Drum', 'Sun' or 'Bygone'. Also useful are words such as 'Guerrillas', 'Timeless', 'Primordial' and 'Tribal'. Note that 'People' means Africans who are not black, while 'The People' means black Africans.

Never have a picture of a well-adjusted African on the cover of your book, or in it, unless that African has won the Nobel Prize. An AK-47, prominent ribs, naked breasts: use these. If you must include an African, make sure you get one in Masai or Zulu or Dogon dress.

In your text, treat Africa as if it were one country. It is hot and dusty with rolling grasslands and huge herds of animals and tall, thin people who are starving. Or it is hot and steamy with very short people who eat primates. Don't get bogged down with precise descriptions. Africa is big: fifty-four countries, 900 million people who are too busy starving and dying and warring and emigrating to read your book. The continent is full of deserts, jungles, highlands, savannahs and many other things, but your reader doesn't care about all that, so keep your descriptions romantic and evocative and unparticular.

Make sure you show how Africans have music and rhythm deep in their souls, and eat things no other humans eat. Do not mention rice and beef and wheat; monkey-brain is an African's cuisine of choice, along with goat, snake, worms and grubs and all manner of game meat. Make sure you show that you are able to eat such food without flinching, and describe how you learn to enjoy it—because you care.

Taboo subjects: ordinary domestic scenes, love between Africans (unless a death is involved), references to African writers or intellectuals, mention of school-going children who are not suffering from yaws or Ebola fever or female genital mutilation.

Throughout the book, adopt a sotto voice, in conspiracy with the reader, and a sad I-expected-so-much tone. Establish early on that your liberalism is impeccable, and mention near the beginning how much you love Africa, how you fell in love with the place and can't live without her. Africa is the only continent you can love—take advantage of this. If you are a man, thrust yourself into her warm virgin forests. If you are a woman, treat Africa as a man who wears a bush jacket and disappears off into the sunset. Africa is to be pitied, worshipped or dominated. Whichever angle you take, be sure to leave the strong impression that without your intervention and your important book, Africa is doomed.

Your African characters may include naked warriors, loyal servants, diviners and seers, ancient wise men living in hermitic splendour. Or corrupt politicians, inept polygamous travel-guides, and prostitutes you have slept with. The Loyal Servant always behaves like a seven-year-old and needs a firm hand; he is scared of snakes, good with children, and always involving you in his complex domestic dramas. The Ancient Wise Man always comes from a noble tribe (not the money-grubbing tribes like the Gikuyu, the Igbo or the Shona). He has rheumy eyes and is close to the Earth. The Modern African is a fat man who steals and works in the visa office, refusing to give work permits to qualified Westerners who really care about Africa. He is an enemy of development, always using his government job to make it difficult for pragmatic and good-hearted expats to set up NGOs or Legal Conservation Areas. Or he is an Oxford-educated intellectual turned serial-killing politician in a Savile Row suit. He is a cannibal who likes Cristal champagne, and his mother is a rich witch-doctor who really runs the country.

Among your characters you must always include The Starving African, who wanders the refugee camp nearly naked, and waits for the benevolence of the West. Her children have flies on their eyelids and pot bellies, and her breasts are flat and empty. She must look utterly helpless. She can have no past, no history; such diversions ruin the dramatic moment. Moans are good. She must never say anything about herself in the dialogue except to speak of her (unspeakable) suffering. Also be sure to include a warm and motherly woman who has a rolling laugh and who is concerned for your well-being. Just call her Mama. Her children are all delinquent. These characters should buzz around your main hero, making him look good. Your hero can teach them, bathe them, feed them; he carries lots of babies and has seen Death. Your hero is you (if reportage), or a beautiful, tragic international celebrity/aristocrat who now cares for animals (if fiction).

Bad Western characters may include children of Tory cabinet ministers, Afrikaners, employees of the World Bank. When talking about exploitation by foreigners mention the Chinese and Indian traders. Blame the West for Africa's situation. But do not be too specific.

Broad brushstrokes throughout are good. Avoid having the African characters laugh, or struggle to educate their kids, or just make do in mundane circumstances. Have them illuminate something about Europe or America in Africa. African characters should be colourful, exotic, larger than life—but empty inside, with no dialogue, no conflicts or resolutions in their stories, no depth or quirks to confuse the cause.

Describe, in detail, naked breasts (young, old, conservative, recently raped, big, small) or mutilated genitals, or enhanced genitals. Or any kind of genitals. And dead bodies. Or, better, naked dead bodies. And especially rotting naked dead bodies. Remember, any work you submit in which people look filthy and miserable will be referred to as the 'real Africa', and you want that on your dust jacket. Do not feel queasy about this: you are trying to help them to get aid from the West. The biggest taboo in writing about Africa is to describe or show dead or suffering white people.

Animals, on the other hand, must be treated as well rounded, complex characters. They speak (or grunt while tossing their manes proudly) and have names, ambitions and desires. They also have family values: see how lions teach their children? Elephants are caring, and are good feminists or dignified patriarchs. So are gorillas. Never, ever say anything negative about an elephant or a gorilla. Elephants may attack people's property, destroy their crops, and even kill them. Always take the side of the elephant. Big cats have public-school accents. Hyenas are fair game and have vaguely Middle Eastern accents. Any short Africans who live in the jungle or desert may be portrayed with good humour (unless they are in conflict with an elephant or chimpanzee or gorilla, in which case they are pure evil).

After celebrity activists and aid workers, conservationists are Africa's most important people. Do not offend them. You need them to invite you to their 30,000-acre game ranch or 'conservation area', and this is the only way you will get to interview the celebrity activist. Often a book cover with a heroic-looking conservationist on it works magic for sales. Anybody white, tanned and wearing khaki who once had a pet antelope or a farm is a conservationist, one who is preserving Africa's rich heritage. When interviewing him or her, do not ask how much funding they have; do not ask how much money they make off their game. Never ask how much they pay their employees.

Readers will be put off if you don't mention the light in Africa. And sunsets, the African sunset is a must. It is always big and red. There is always a big sky. Wide empty spaces and game are critical—Africa is the Land of Wide Empty Spaces. When writing about the plight of flora and fauna, make sure you mention that Africa is overpopulated. When your main character is in a desert or jungle living with indigenous peoples (anybody short) it is okay to mention that Africa has been severely depopulated by Aids and War (use caps).

You'll also need a nightclub called Tropicana, where mercenaries, evil nouveau riche Africans and prostitutes and guerrillas and expats hang out.

Always end your book with Nelson Mandela saying something about rainbows or renaissances. Because you care.

URL: http://www.granta.com/extracts/2615

14. November 2006

Stiglitz, der Hypokrat!

Mein Kommentar: Es ist kaum zu glauben: Nachdem er mit seinem Rat ganze Generationen in Afrika und anderswo um ihre Zukunft gebracht hat, kommt er jetzt daher, als sei nichts gewesen; und hat schlaue Ratschläge (die übrigens, würden sie "Mainstream" werden, gar nicht schlecht sind)!

http://zeus.zeit.de/text/2006/46/ST-Stiglitz

Mücke und Elefant

Der Markt löst das Armutsproblem nicht. Joseph Stiglitz, Ökonom und Nobelpreisträger, entwirft eine gerechtere Globalisierung.

Von Thomas Assheuer

Die Euphorie über die Globalisierung ist vorüber, ihre Propagandisten sind kleinlaut geworden. Dabei waren die Versprechen, die nach dem Fall der Mauer in die Welt gesetzt wurden, durchaus faszinierend. Wenn die Weltwirtschaft schrankenlos wachse und gedeihe; wenn auf dem Erdkreis alle Handelshemmnisse beseitigt und die Kapitalinvestoren überall freie Hand bekämen, dann werde die Menschheit einer leuchtenden Zukunft entgegensehen. Früher oder später würde der Wärmestrom der Globalisierung alle Boote erfassen, auch die der Armen und Elenden, und sie hinaustragen in ein Meer aus Wohlstand und Freiheit.

Kaum jemand hat kenntnisreicher seine Zweifel an diesem marktgängigen Zukunftsversprechen vorgetragen als Joseph Stiglitz, seines Zeichens Nobelpreisträger für Ökonomie, ehemaliger Chef-Volkswirt der Weltbank und Berater der Clinton-Regierung. Stiglitz weiß, wovon er spricht, denn er ist aus Erfahrung klug geworden. Viele Weichenstellungen der neunziger Jahre, schreibt er selbstkritisch, seien falsch gewesen, ungerecht und von westlicher Arroganz getragen. Deshalb zweifelten immer mehr Menschen daran, »dass die Kosten der Globalisierung – niedrige Löhne, wachsende Arbeitslosigkeit – die vermeintlichen Vorteile überwiegen«.

Globalisierung ist für Stiglitz kein Schicksal; sie ist das Ergebnis politischer Steuerung und der Durchsetzung ökonomischer Theorien. Wären die Weichen anders gestellt worden, wäre es heute um die Welt besser bestellt. Entsprechend trostlos fällt in seinem neuen Buch Die Chancen der Globalisierung die Bilanz aus. Die Reichen sind reicher geworden, die Armen oft arm geblieben. Die Globalisierung hat weniger Menschen zu Wohlstand gebracht als erhofft; nur Indien und China bilden die spektakulären Ausnahmen. »Obgleich der Prozentsatz der in Armut lebenden Menschen rückläufig ist, steigt die absolute Zahl der Armen weltweit.«

Die Behauptung, Reichtum werde auf natürlichem Wege von oben nach unten zu den Armen durchsickern (»trickle down«), sei eine Fabel. Die Forderung, der Nationalstaat müsse sich klein machen wie eine Mücke und dem Elefanten des Kapitals das Feld überlassen, führe auf einen Irrweg. Tatsächlich erzeugten Märkte nicht von sich aus effiziente Ergebnisse oder »lösen das Armutsproblem«; womöglich werde es noch verschärft. Nur in der mythischen Welt der Freihandelsbefürworter komme der Abbau von Handelsschranken allen Menschen zugute, denn die »unsichtbare Hand des Marktes ist unsichtbar, weil es sie gar nicht gibt«. Auch der gern gesungene Refrain, Märkte sorgten langfristig für Vollbeschäftigung, sei falsch, denn langfristig »sind wir alle tot«.

Warum heute immer mehr Menschen glauben, die Globalisierung sei nur benutzt worden, um das angloamerikanische Wirtschaftsmodell durchzusetzen, ist für Stiglitz leicht zu erklären: Die Welthandels- und Weltfinanzordnung ist strukturell ungerecht; in ihr »fließt das Geld von unten nach oben«, von den Armen zu den Reichen. »Die Mindereinnahmen, die die reichen Ländern den armen Ländern durch Handelshemmnisse bescheren, sind dreimal höher als die gesamte Entwicklungshilfe, die sie leisten.« Mit begründetem Argwohn betrachtet Stiglitz das Treiben des Internationalen Währungsfonds (IWF), denn dieser »dient in erster Linie den Interessen der Industrieländer« und verfahre nach der Devise: »Wer hat, dem wird gegeben«.

So habe der IWF in Indonesien Geld bereit gestellt, um Bankenforderungen zu decken. Kein Geld gab’s, um Nahrungsmittel für Bedürftige zu subventionieren. Auch am Sachverstand dieser mächtigen Institution meldet Stiglitz Zweifel an. Bei der Asienkrise versagte sie; »in praktisch allen Fällen, in denen die Rezepte des IWF ausprobiert wurden, haben sie den Abschwung« verschlimmert. Absurd ist für ihn auch die Praxis des IWF, jede Art von Defizitverringerung zu belohnen, auch das Abholzen von Wäldern oder die Verschleuderung von Staatsvermögen.

Der Marktfundamentalismus hat Schiffbruch erlitten

Einmal in Schwung, entzaubert Stiglitz noch eine Reihe anderer neoliberaler Glaubenssätze. Dass die Liberalisierung der Kapitalmärkte – »ein Schlüsselelement marktfundamentalistischer Wirtschaftspolitik« – anhaltendes Wachstum erzeuge, hält er für ein Gerücht. Ausgerechnet der IWF habe längst stillschweigend eingeräumt, »dass Liberalisierung zu Instabilität und nicht zu Wachstum führt«. Nicht zufällig kehrten viele Länder dem Marktfundamentalismus den Rücken. »Indien und China erkannten, dass man mit Kapital, das von heute auf morgen kommt und geht, keine Arbeitsplätze schaffen kann.« So scheint die »Ära der Handelsliberalisierung« vorerst zu Ende zu sein. Während protektionistische Strömungen in den Industrieländern zunähmen, wendeten sich viele Entwicklungsländer vom Marktradikalismus des »Washington Consensus« wieder ab. Dieses Modell habe ausgedient. »Diejenigen, die sich daran hielten, erlitten Schiffbruch. Bestenfalls erreichten sie kümmerliche Wachstumsraten, schlimmstenfalls haben sie mit wachsender Ungleichheit und Instabilität zu kämpfen.«

Überaus beredt führt Stiglitz’ Klage über westliche Doppelmoral, über die Rhetorik der gespaltenen Zunge. Mit salbungsvollen Worten predigten Industrieländer dem Rest der Welt die Vorzüge der Demokratie; tatsächlich fördern sie oft genug die Korruption. Ölgesellschaften unterstützen repressive Regime mit Schecks; Konzerne, ansonsten »Schrittmacher des Technologie-Transfers«, plündern Bodenschätze. »Bestechung, Betrug und ungleiche Verhandlungsmacht beschneiden die Beträge, die rechtmäßig den Entwicklungsländern zustehen sollten.« Unternehmen »stehlen« das tradierte Wissen der Entwicklungsländer, um anschließend dafür Nutzungsgebühren zu verlangen. Besonders empört Stiglitz das Trips-Abkommen über den Schutz geistigen Eigentums. Als die Handelsminister dieses Abkommen unterzeichneten, verurteilten »sie Tausende Menschen in den ärmsten Ländern zum Tode«, weil sie ihnen damit den Zugang zu preiswerten Medikamenten verwehrten.

Junge Demokratien dürfen sich erst gar nicht bewähren

Überzeugend belegt Stiglitz, wie die Globalisierung jungen Demokratien das Leben schwer macht. Hierzulande wird gern und professoral von failing states geredet, von zerfallenden Staaten. Als Gründe werden Korruption und Schlendrian, überhaupt alle Formen von Misswirtschaft genannt. Das ist für Stiglitz nur die halbe Wahrheit. Staaten zerbrechen auch deshalb, weil sich die gewählten Regierungen erst gar nicht bewähren dürfen. Eben erst in die Freiheit entlassen, werden sie von Konzernen an die Kandare genommen oder vom IWF gezwungen, ihre Geldpolitik an »Experten« abzugeben. Kaum sind die alten Kolonialherren von der Bildfläche verschwunden, sitzen die neuen schon am Tisch.

So weit die Diagnose. Bei der Therapie zeigt sich der ansteckende Optimismus eines weltläufigen Ökonomen, der an die wohltätige Macht des Wachstums glaubt. Stiglitz sucht deshalb nicht Alternativen zur, sondern Alternativen innerhalb der Globalisierung. Er entwirft die Umrisse einer fairen Weltwirtschaft, die armen Ländern zugute kommt und dennoch den Interessen der Industrieländer gerecht wird. Er hofft auf einen weltweiten Gesellschaftsvertrag, auf eine globale Wettbewerbsbehörde mit eigenem Wettbewerbsrecht. Zunächst sollten die »Wohlstandsländer den ärmeren Ländern ihre Märkte öffnen, ohne von ihnen im Gegenzug das Gleiche zu verlangen«. Solange für viele Entwicklungsländer die Nachteile von Handelsabkommen deren Nutzen überstiegen, »werden immer mehr zu dem Schluss kommen, dass kein Abkommen einem schlechten vorzuziehen ist«. Die Stimmrechtsverteilung beim IWF und der Weltbank müsste geändert, und das Vetorecht der USA in diesen Institutionen eingeschränkt werden.

Zur Finanzierung öffentlicher Güter in Entwicklungsländern möchte Stiglitz grenzüberschreitende Kapitalströme ebenso besteuern wie Waffenverkäufe an Entwicklungsländer. Sammelklagen armer Länder sollen erleichtert, Prozesskostenhilfe und Rechtsschutz gewährt werden. Weil Entwicklungsländer derzeit »nicht annähernd den Gegenwert ihrer Ressourcen erhalten«, schlägt er vor, die Nutzungsrechte künftig zu versteigern. Alle Länder sollten eine CO2-Steuer erheben und über deren Erträge frei verfügen. »Wenn sich die USA weiterhin weigern, ihre Emissionen zu senken, sollten Handelssanktionen gegen sie verhängt werden.« Schließlich möchte Stiglitz das System der Weltwährungsreserven ändern und einen Weltdollar einführen, einen internationalen Greenback. Er soll verhindern, dass jährlich 750 Milliarden Dollar in Währungsreserven geparkt, also unproduktiv »weggeschlossen« werden. Bei allem aber stehe die Armutsbekämpfung im Mittelpunkt. Wenn die USA eine Billion Dollar für den Irak-Krieg ausgeben, »dann können sie sich weniger als 100 Milliarden Dollar jährlich leisten, um einen Krieg gegen die Armut zu führen«.

Die Hoffnung auf die Vereinigten Staaten ist enttäuscht

Stiglitz weckt Marktliberale und Systemtheoretiker der Luhmann-Schule aus ihrem dogmatischen Schlummer. Für einen Ökonomen schreibt er ausgesprochen verständlich; die eine oder andere polemische Spitze verrät einschlägige Leidenserfahrungen bei der US-Administration und der Weltbank. Wer sich bislang ratlos gefragt hatte, warum das Ansehen dieser Institutionen derart heruntergewirtschaftet ist, findet in seinem Buch viele Antworten. Doch für die harsche Kritik an den Vereinigten Staaten gibt es noch einen anderen Grund. Wie viele Liberale hatte Stiglitz seine Hoffnung auf das Selbstverständnis der USA, auf die Macht des Guten gesetzt – und ist nun tief enttäuscht. Nach dem Ende des Kalten Krieges hätten die USA die Weltordnung gerecht gestalten oder »ihren eigenen Interessen und denen ihrer multinationalen Konzerne« den Vorzug geben können. »Leider haben sie den zweiten Weg eingeschlagen.« Ausgerechnet das Land, dass die Globalisierung vorantrieb, »unterhöhlt mit der Schwächung der UN« die politischen Fundamente, die notwendig sind, um die Wirtschaftsglobalisierung »zu einer Erfolgsgeschichte zu machen«. Noch nie waren globale Institutionen so nötig wie heute. Doch »das Vertrauen in ihre Legitimität ist geschwunden.«

Nun fragt sich, wer Stiglitz’ Katalog in die Tat umsetzen soll. Denn wenn Amerika als treibende Kraft ausfällt, bleibt allein das vernünftige Selbstinteresse der Nationen. Die Alternative dazu wäre ein globaler Wirtschaftskrieg, der niemandem nützt. So bleibt vorerst nur die Einsicht, dass der Neoliberalismus angelsächsischer Prägung der Versuch war, die reale Welt mit einer ökonomischen Großtheorie in Deckung zu bringen. Diese Spielart des Kapitalismus hat die Welt verändert. Nun muss sie vor ihm verschont werden.
Joseph Stiglitz: Die Chancen der GlobalisierungAus d. Engl. von Th. Schmidt; Siedler Verlag, München 2006, 446 S., 24,95 €Die Chancen der GlobalisierungSachbuchJoseph StiglitzBuchAus d. Engl. von Th. SchmidSchmidtAus d. Engl. von Th.24,95Siedler Verlag, München 2006, 446

DIE ZEIT, 09.11.2006 Nr. 46